Gefegter Wald

Der dänische Wald ist dafür bekannt nur leicht hügelig, ein wenig sumpfig, aufgeräumt und superschnell zu sein. Außer dort wo sich die Krüppelkiefern tummeln natürlich.
Die Krüppelkiefern blieben uns netterweise erspart, so dass man bei der Mittel- und der Langdistanz beim Danish Spring immer volles Tempo gehen konnte.
Deswegen sprintete ich bei der Mittel erstmal los wie eine Wahnsinnige. Am zweiten Posten war ich laut Zwischenzeit tatsächlich Dritte. Doch schon am dritten Posten sollte sich diese unüberlegte Keulerei rächen. Ich lief mit Vollgas durch ein offenes teilweise sumpfigens Gebiet, um dahinter auf einen kleinen Hügel zu steigen wo der Posten sein sollte. Nun ja, ich stieg auf einen Hügel, stand irgendwo im Grünen und hatte keine Ahnung was los war. Die zwei Minuten nach mir gestartete schnelle Dänin rettete mich dann und führte mich zum Posten. Danach übernahm ich wieder die Führung, aber da man in diesem Wald meist unheimlich weit schauen kann, liefen wir, trotz unterschiedlicher Routen, bis ins Ziel zusammen. Jetzt weiß ich, dass ich dem Wald-Tempo der ganz schnellen OLerinnen immer näher komme und ich mich im Glücksfall, der ja auch mal bei der WM eintreffen kann, ein Stückchen ranhängen kann und trotzdem die Kontrolle über meine Orientierung behalte.
Für den nächsten Tag nahm ich mir vor gemütlicher anzufangen und das Tempo frühestens ab Posten drei zu steigern, wenn das geht, denn so eine Langdistanz mit 32 Posten muss man auch erstmal überstehen. Wie schwer das ist sollte ich noch ziemlich hart zu spüren bekommen.
Die ersten vier Posten lagen irgendwo im Dickicht, also entschied ich mich immer für die sichere Route und zog mein Ding ganz ruhig durch. Dann zur fünf ging es endlich ins offene und ich steigerte das Tempo. Alles war im grünen Bereich. Keine Fehler, immer wieder Kontrolle, Kompass, Karte, Plan, Posten. Man könnte sagen es lief. Am fünfzehnten Posten holte ich die zwei Minuten vor mir gestartete Finnin ein. Doch sie wählte auf dem langen Schlag eine andere Route, so dass ich sie schnell aus den Augen verlor. Vielleicht auch weil ich die Route quer durch die umgestürzten Bäume wählte. Weiter gings Posten um Posten. Da vorne ist Nina: „Los Nina, gib alles“ und da ist Posten 28, dann sind es nur noch vier Posten bis ins Ziel. Dann weiß ich, ob der Lauf wirklich so gut war wie er sich angefühlt. Der Posten steht in einer Senke hinter ein paar aufgehäuften Ästen und Baumstämmen. Ich überlege noch, ob ich drumherum laufen soll, sehe aber eine Spur und entscheide mich dagegen. BUMS! Plötzlich sitze ich am Boden. Ein Ast ist knapp über dem Knie frontal gegen meinen Oberschenkel geknallt. Blut sickert durch die Hose. Wieder einmal erweisen sich Dreiviertelhosen als unheimlich praktisch. Nur kurz hochziehen und schon lag für Nina und mich der Blick frei auf eine wunderschöne Fleischwunde. Mein rettender Engel Nina reagierte genau richtig und sprintete zum Ziel, dass zum Glück nur einen Kilometer entfernt lag. Nach ein paar Minuten kamen weitere Elite-Damen vorbei. Auch die Finnin, die ich so schnell verloren hatte. Ich hatte einen guten Vorsprung heraus gelaufen. Ich ärgerte mich mehr darüber, dass es nur noch vier verdammte Posten bis ins Ziel waren, als darüber, dass ich mal wieder nach einem Wettkampf im Krankenhaus zusammen geflickt werden musste. Kurz danach kamen Mark, Moritz und Erik vom Ziel angelaufen und trugen mich bis zum großen Weg. Dort kam schon der Krankenwagen in dem Patschi mich zum Krankenhaus begleitete. So beendete ich mal wieder ein Rennen im Krankenhaus. Dieses mal konnte ich dort sogar mein schwedisches Medizinervokabular erweitern. Auch wenn die Dänen eine unglaublich komische Aussprache haben. Während des Nähens hielten Felix und Patschi mich erfolgreich bei Laune und beäugten kritisch das Werk der Ärztin und ihres Studenten. Neun weitere Stiche zieren nun meinen Oberschenkel nur ein  paar Zentimeter von vier bereits zehn Jahre alten Stichen entfernt.
Doch diese Narben sind gut. Sie erinnern einen, dass wir mit vollem Einsatz kämpfen und das wir uns glücklich schätzen können in der heutigen Zeit zu leben. Vor ein paar hundert Jahren hätte so ein Unfall den Tod bedeuten können.
Sie erinnern an gute und an weniger gute Läufe, aber vor allen Dingen erinnern sie an die Menschen, die einem helfen, die rettenden Engel, die nach fast zwei Stunden Laufzeit danach ihre Strecke noch zu Ende laufen, die Gute-Laune-Macher und die Ablenker.
Jetzt darf ich also, während die anderen tolle Trainings hier machen, in der Hütte bleiben, für den Schwedischtest lernen und hoffen, dass ich bald wieder gehen kann.

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3 Kommentare zu “Gefegter Wald

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