Zeitgefühl

Es liegt etwas in der Luft,

der Staub hunderter scharrender Füße. Denn es ist Zeit, Zeit für den Start des wichtigsten Rennen des Jahres in Schweden. Tausende OLer kommen jedes Jahr zur 10MILA, die dieses Jahr sehr reisefreundlich nur ein paar Kilometer von Arlanda entfernt, statt fand.
So konnte man Freitag 8:00 noch in der Mathevorlesung sitzen und 15:00 schon OL-Training im Wald nördlich von Stockholm machen. Die Reise hat kürzer gedauert als die Fahrt nach Freiburg in der Woche davor.
Den Abend und den Samstagvormittag verbrachten wir mit gutem Essen, Sonne genießen und auf den Start vorbereiten.
Die Zeit reichte sogar um sich die Laborskripte für die Uni anzuschauen.
Die Sonne strahlte, eine frische Brise wehte und trug das aufgeregte Geplapper der Sprecher über die Arena bis zu den Zelten. Die Vereinsflaggen flatterten im Wind und die Kinder kamen fröhlich von ihren Strecken beim Ungdomskaveln.
Einer aus dem ersten Team für die 10Mila meldete sich bei Johnny und meinte er könne nicht laufen, da er sich zu krank fühlte. Plötzlich fehlte ein Läufer! Was tun? Bereits zuvor hatte ich mir überlegt, dass eine Nachtstrecke bei den Herren doch ein gutes Training für der 24er wäre, also war mein Platz im zweiten Herrenteam gesichert.

start

Start Damkaveln, Photo: Johnny Fransson

14:30 startete dann endlich der Damkaveln. Leider fehlte in diesem Wald der fette Hügel an dem das Tempo ein wenig moderater wurde. So stürmten die 330 Damen ungebremst über die ganze Strecke und ich mitten drin. Die Geschwindigkeit am Start war mörderische, besonders wenn man bedenkt über was für einen Sturzacker wir rannten.
Ich versuchte so gut ich konnte mitzuhalten, auch wenn ich meinen Trainingsrückstand noch merkte. Nur einmal schaute ich nicht richtig auf den Kompass und stand am falschen Gabelposten. So konnte ich mit nur drei Minuten Rückstand auf meine zweite Läuferin Sandra übergeben. Alles war noch drin. Sandra hatte einen „kanonlopp“ und plötzlich war sogar die Top50 in Reichweite, was verglichen mit unserem 105. Platz letztes Jahr eine kleine Sensation für uns gewesen wäre. Leider erwischte unsere vierte Läuferin keinen guten Tag und kam mit fiesen Wadenkrämpfen ins Ziel.
Unsere fünfte Läuferin lief ein sicheres Rennen und sicherte uns den 78. Platz.
Nach dem Damkaveln ist vor der 10MILA. Also schnell was ordentliches Essen und dann ab in den Schlafsack und schlafen. Bei dem ganzen Trubel und der Aufregung ist das nur leider nicht so einfach. Also bin ich zum Einlauf der ersten Läufer gegen 21:30 doch noch mal aufgestanden, mit den anderen eine Runde durch die Arena gegangen und dann wieder in den warmen Schlafsack. Zwei Stunden später war es so weit. Wieder aufstehen, frühstücken kurz nach Mitternacht, umziehen, Infos aus dem Wald bei den anderen holen usw. Wir lagen ganz gut im Rennen, knapp hinter den Top 100. Am Wechsel standen viele schnell aussehende Jungs um mich rum und ein bisschen Schiss hatte ich schon vor den 11,4km im dunklen Wald. Naja, immerhin würde andauernd jemand an mir vorbei rennen.
Um 02:43 ging es dann endlich los. Es war eine schöne Nachtstrecke mit einigen kniffligen Posten, wo ich natürlich auch gesucht habe. Gegen Ende ging dann die Sonne auf und ich konnte sogar einen Blick auf die erste Morgenröte unter den Wolken erhaschen.

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Zieleinlauf Damkaveln, Photo: Ulf K rask

Auf dem Zieleinlauf war ich einfach glücklich und stolz unter 90min über die Strecke gekommen zu sein und das auf einer fast richtigen Männerstrecke.
Dann warm duschen und den Schlafsack mummeln. Wenn da nicht ein Lette auf meiner Isomatte gelegen hätte…
So ging ich zu Lillomarka ins beheizte Zelt und hielt Felix noch ein paar Stunden wach oder er mich. So genau kann ich das nicht sagen. Die Müdigkeit trübte mein Konzentrations- und Erinnerungsvermögen – und mein Zeitgefühl. Es fühlte sich an wie 19:00 abends, war aber ca 6:00 früh oder so.
Kurz vor dem Zieleinlauf der ersten Teams war mein Schlafplatz wieder frei und es war mir völlig egal, wer als erster über die Ziellinie sprintete. Ich wollte schlafen. Während die anderen also fleißig klatschten, unser erstes Team auf Platz 24 lief und das Aufenthaltszelt abgebaut wurde, erholte ich mich von den Strapazen der Nacht.
Ich wachte auf als die anderen gerade nach Hause fahren wollten. Schlafzelt abbauen, zur Hütte zurück fahren und essen. Ganz wichtig, das Essen, denn verliert man sein Zeitgefühl, hat man auch keinen Appetit mehr. Es ist komisch, man hat sich angestrengt und trotzdem keinen Hunger. Doch man muss sich zwingen etwas zu essen und dann geht es einem auch besser. Der Körper dankt es und fühlt sich am nächsten Tag nur noch halb zerstört an.
Bevor Johnny mich am Flughafen absetzte, schlief ich noch mal zwei Stunden in einem richtigen Bett in der Hütte. Danach war ich einigermaßen erholt.
Während des Fluges schrieben Sabine und ich sogar den Artikel für OL.de. Jedoch waren wir dann etwas irritiert als es plötzlich dunkel wurde. War es nicht erst 11 Uhr Vormittags?!

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